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Auf den Spuren einer afrikanischen Prinzessin

Eine britische Forscherin wurde im Gemeindearchiv in Eberswalde fündig

Eberswalde – In Zeiten von Globalisierung, Internet und Missionspartnerschaften ist Besuch aus Afrika in Gemeinden des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden längst eine Selbstverständlichkeit. Vor 100 Jahren war das noch ganz anders. Da war so etwas eine Sensation. Dazu hat eine britische Sozialhistorikerin, Eve Rosenhaft von der Universität in Liverpool, etwas ganz Besonderes herausgefunden: Vor 100 Jahren lebte bei den Baptisten in Eberswalde sogar eine afrikanische Prinzessin. Davon berichte sie vor kurzem in der Gemeinde. Zu ihrem Vortrag in Eberswalde kamen 30 Interessenten. Einen Tag vorher war sie zu Gast in der Gemeinde Berlin-Matternstraße, wo sich 50 Besucher für ihre Erkenntnisse interessierten. Die Wissenschaftlerin stattete auch dem Theologische Seminar Elstal (FH) einen Besuch ab.

Was hat sie herausgefunden? Rosenhaft stieß auf die Spur von Maria Mandessi Bell, die im November 1895 in Douala (Kamerun) geboren wurde. Ihr Vater war David Mandessi Bell, der Adoptivsohn von König Bell. Als die Baptisten im Rahmen ihrer Missionsarbeit begannen, die Ausbildung Jugendlicher aus Kamerun in Deutschland zu fördern, nutzte die Prinzessin diese Chance. Sie reiste nach Deutschland. Zu ihren ersten Stationen gehörte das ostpreußische Wolfsdorf, heute Wilczkow. Dort wurde sie Christin und ließ sich 1912 taufen. Als ihre Gastfamilie im November 1912 nach Eberswalde umzog, weil Ernst Wißtoff eine Predigerstelle in der dortigen Baptistengemeinde annahm, zog auch die junge Afrikanerin mit. Später bekannte sie über diese Zeit: „Es waren die schönsten Jahre meines Lebens." Begeistert sei sie von den Chorausflügen gewesen. Nach ihrer Rückkehr nach Kamerun soll sie immer, wenn Schiffe ankamen, die Matrosen mit deutschen Volksliedern begrüßt haben, sagte Gemeindemitglied Friedemann Gillert der Lokalpresse, die über den Fall breit berichtete. Die britische Forscherin Rosenhaft fand auch heraus, dass Maria Mandessi Bell später sowohl im Kampf gegen den Kolonialismus um 1914 als auch in der Entwicklung der panafrikanischen Kulturbewegung eine Schlüsselrolle gespielt hat.

Ihre Recherchen führten die Forscherin in das Archiv der baptistischen Bethelgemeinde in Eberswalde. Eine Aufnahme im damaligen Versammlungsraum an der Eichwerderstraße, wo sich heute ein Landhandel befindet, zeigt neben Familie Wißtoff auch die Prinzessin, die Eberswalde am 1. April 1914 verließ. „Briefe mit herzlichen Grüßen zeugen davon, dass sie versuchte, den Kontakt nach Eberswalde aufrechtzuerhalten", berichtet Gillert.

Wie er der GEMEINDE auf Rückfrage sagte, sei sich die Gemeinde vor dem Besuch der Historikerin über die Bedeutung des historischen Bildes nicht im Klaren gewesen. Man habe es als Foto von der Gründungsveranstaltung der Gemeinde abgelegt. Um wen es sich im einzelnen bei den abgebildeten Personen gehandelt habe, sei nicht bekannt gewesen. Wie er weiter sagte, habe es ihm gut gefallen, dass Rosenhaft die Arbeit der baptistischen Mission in Kamerun ausdrücklich gewürdigt habe. Schon in den Anfängen sei es den Baptisten darum gegangen, den Menschen in Afrika auf Augenhöhe zu begegnen. Deshalb habe man es unterstützt, dass einzelne Afrikaner in Deutschland ausgebildet wurden. Davon habe auch Maria Mandessi Bell profitiert.

Klaus Rösler
(06.06.2013)