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Deutschland braucht Tausende neue christliche Gemeinden

Fachtagung plädiert für eine Kirchengrenzen überschreitende Initiative

Stuttgart

Bei der Gründung neuer Gemeinden in Deutschland sollten Kirchengrenzen keine Rolle mehr spielen. Vielmehr ist Zusammenarbeit das Gebot der Stunde. Das wurde bei einer dreitägigen Fachtagung für Gemeindegründung „Trendwende 2013“ in der Tagungsstätte Bernhäuser Forst bei Stuttgart gefordert. An dem Treffen nahmen rund 120 Mitarbeiter von 35 Landes- und Freikirchen, Gemeinschaftsverbänden und christlichen Initiativen teil, darunter auch einige Baptisten.

So warb etwa der Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), Präses Ansgar Hörsting (Witten) vom Bund Freier evangelischer Gemeinden, für mehr Zusammenarbeit. Es gehe um die Ehre Gottes und das Heil von Menschen, die Gott nicht kennen. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse strategisch vorgegangen und nichts dem Zufall überlassen werden. Wichtigste Voraussetzung sei, dass sich die Kirchen mit Respekt begegneten und über geistliche Aufbrüche in anderen Kirchen freuen könnten. Gemeindegründer müssten sich häufig gegen den Vorwurf wehren, anderen Gemeinden Mitglieder wegzunehmen. Dieses Argument komme meist von Gemeinden, die sich nicht ändern wollten. Auch gebe es „Platzhirsche“, die einen Autoritätsverlust befürchteten. Ihnen riet Hörsting, sich ihrer Stärken neu bewusst zu werden. Für falsch hielte es der Präses, wenn eine Kirche oder ein Kirchenbund Gemeinden gründen wolle, nur um den zahlenmäßigen Bestand zu wahren oder das Ansehen der eigenen Kirche zu vergrößern.

Wie der Sprecher der Konsultation für Gemeindegründung, Erhard Michel (Dietzhölztal), der Leiter der Allianz-Mission im Bund Freier evangelischer Gemeinden, sagte, brauche Deutschland Tausende neuer Gemeinden. Es gelte vom Ausland zu lernen. Als Vorbilder nannte Michel Zusammenschlüsse in Frankreich, Norwegen und Großbritannien, wo Bischöfe, Kirchenpräsidenten und andere kirchenleitende Personen unterschiedlich geprägter Kirchen sich auf gemeinsame Strategien zur Evangelisierung ihres Landes geeinigt hätten. Anfängliche Ängste, man verliere sein besonderes Profil, und Bedenken, andere Kirchen könnten gute Ideen übernehmen, seien überwunden worden. Das gemeinsame Vorgehen bewirke beispielsweise, dass in Frankreich alle zehn Tage eine evangelikale Gemeinde entstehe. Eine ähnliche Kirchengrenzen überschreitende Initiative wäre auch für Deutschland nötig, sagte Michel. In den Landeskirchen spricht man statt von Gemeindegründungen eher von Gemeindepflanzungen oder in Anlehnung an eine englische Bewegung von „Fresh Expressions of Church“ (Frische Ausdrucksformen von Gemeinde). Diese missionarische Bewegung möchte Gruppen in der Bevölkerung erreichen, die den Kirchen distanziert gegenüberstehen, aber aufgeschlossen sind für die christliche Botschaft. Wie auf der Tagung bekannt wurde, habe es die Anglikanische Kirche in England geschafft, durch die Gründung neuer Gemeinden den jahrlangen Schrumpfungstrend in ein leichtes Mitgliederwachstum umzukehren.

Michel zufolge hat der Bund Freier evangelischer Gemeinden 2005 das Ziel formuliert, innerhalb von zehn Jahren 100 neue Gemeinden zu gründen. Man befinde sich annähernd im Plan und stelle zahlreiche erfreuliche Nebenwirkungen fest: Die Zahl der Mitglieder in dieser Freikirche steige jährlich um zwei Prozent. In den neuen Gemeinden sei die Zahl der Bekehrungen höher als im Durchschnitt der alten Gemeinden; es kämen mehr Menschen zum Glauben, und mehr Mitglieder beteiligten sich am Gemeindeleben.

Nach Angaben des Baptistenpastors Jürgen Tischler (Springe bei Hannover) gibt es für Deutschland keine Übersicht über Gemeindegründungen, so dass auch keine gesamtdeutsche Strategie möglich sei. Viele Kirchen und Freikirchen betrachteten ihre Statistiken als Betriebsgeheimnisse, oder sie hätten nicht genügend Mitarbeiter, um vorhandene Daten aufzubereiten. „Wir wissen, dass alle Freikirchen neue Gemeinden gründen, aber wir wissen nicht, wie viele, an welchen Orten und für welche Zielgruppen“, sagte Tischler. Er betreut das einzige umfassende überdenominationelle Gemeindeforschungsprojekt Deutschlands. Wie Tischler der GEMEINDE sagte, müsste das Thema Gemeindegründung auch in der Pastorenausbildung stärker in den Blick genommen werden. In seinem Bund kenne er einige Pastoren, die gerne eine moderne Gemeindegründung nach den Modellen von Hillsong oder ICF starten würden, aber es sich nicht trauten, weil es in diesen Gemeinden ein anderes Gemeindeverständnis als in ihrem Bund gebe. „Hier muss dringend ein Neudenken erfolgen“, so Tischler.

Der Referent für Gemeindegründung im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Klaus Schönberg (Waldeck), sagte der GEMEINDE, das Treffen habe deutlich gemacht, dass alle Bünde vor den selben Herausforderungen ständen: „Ein Drittel der Gemeinden sind stark schrumpfend, bzw. sterbend, ein Drittel stagnierend und ein Drittel wachsend.“ Nicht Abgrenzung, sondern Partizipation sei das Gebot der Stunde: „Wir lernen gemeinsam miteinander.“ Dass so viele verschiedene Werke und Bünde vertreten gewesen seien, lasse hoffen.

Nach Ansicht des Missionswissenschaftlers Prof. Johannes Reimer (Bergneustadt) ist die Zeit für Gemeindegründungen günstig. Landeskirchen erlaubten zunehmend die Entstehung von Bekenntnis- oder Personalgemeinden als Ergänzung zu den üblichen, räumlich festgelegten Ortsgemeinden. Viele Menschen seien auf der Suche nach geistlicher Gemeinschaft und deshalb für christliche Angebote aufgeschlossen. Besonders interessant seien Gemeinden mit Mitgliedern aus unterschiedlichen Kulturen. Auch sozial-diakonische Gruppen, die sich um Benachteiligte in ihrer Umgebung kümmerten, könnten den Kern für eine neue Gemeinde bilden, wenn ihr helfendes Handeln mit einer evangelistischen Begeisterung verbunden sei.

Klaus Rösler
(14.06.2013)